Sei dein eigener Maßstab

Sei dein eigener Maßstab

Letzte Woche bin ich über ein altes Foto gestolpert – ich auf einem Marillion-Konzert, strahlend, voller Energie. Mit Anfang 30 habe ich den kompletten Deutschland-Teil ihrer Tour mitgemacht, von Konzert zu Konzert. Das war eine meiner schönsten Erinnerungen.

Ende 30 stand ich wieder vor einer Konzerthalle. Diesmal schaffte ich es nicht mal bis zu meinem Sitzplatz, sondern verbrachte den Abend draußen beim Merchandise-Stand. Das hat mich damals extrem geärgert. Ich habe mich gefragt: „Warum kann ich das nicht mehr? Letztes Jahr ging das doch noch!“

Heute, mit der Diagnose ME/CFS, weiß ich: Der ganze Abend war einfach viel zu viel. Aber vor allem weiß ich jetzt etwas anderes – ich habe mich mit dem falschen Maßstab gemessen. Und genau darum soll es heute gehen.

🌟 Die Vergleichsfalle: Warum wir uns das Leben schwer machen

Wir alle tun es. Ständig. Fast automatisch. Wir vergleichen uns – mit unserem früheren Ich, mit gesunden Menschen um uns herum, mit anderen, die dieselbe Diagnose haben. Und jedes Mal, wenn wir das tun, fühlen wir uns ein bisschen schlechter.

Warum? Weil bei chronischen Erkrankungen der Maßstab einfach nicht stimmt. Es ist, als würden wir versuchen, Kilometer in Litern zu messen – es passt einfach nicht zusammen.

Vergleiche nicht Äpfel mit Birnen

„Früher konnte ich…“ – Der Vergleich mit dem gesunden Ich

Das ist vielleicht der schmerzhafteste Vergleich. Wir erinnern uns daran, wie wir mal waren: energiegeladen, belastbar, spontan. Und dann schauen wir auf unser jetziges Ich und denken: „Was ist nur aus mir geworden?“

Aber hier ist die Wahrheit: Dein früheres Ich hatte ein vollgeladenes Energiekonto. Dein jetziges Ich hat ein kleineres Konto mit anderen Regeln. Das macht dich nicht weniger wert – es bedeutet nur, dass du mit anderen Ressourcen haushalten musst.

Der Trauerprozess um das verlorene Ich ist völlig okay und wichtig. Aber der ständige Vergleich hält uns in der Vergangenheit fest, statt dass wir lernen, mit dem zu arbeiten, was jetzt ist.

„Gesunde Menschen können…“ – Der Vergleich mit der „Normalität“

Deine Freundin arbeitet Vollzeit, geht dreimal die Woche zum Sport, hat ein aktives Sozialleben und wirkt dabei noch entspannt. Du schaffst gerade mal den Einkauf und brauchst danach zwei Stunden Pause.

Dieser Vergleich ist wie der Versuch, mit einem Fahrrad ein Autorennen zu gewinnen. Es sind einfach unterschiedliche Fahrzeuge mit unterschiedlichen Möglichkeiten. Gesunde Menschen haben einen anderen Tank, andere Reserven, andere Voraussetzungen.

Das bedeutet nicht, dass du weniger leistest. Es bedeutet, dass deine Leistung unter völlig anderen Bedingungen stattfindet – und oft viel beeindruckender ist, als es von außen aussieht.

Viele Vergleiche passen nicht

„XY mit derselben Krankheit kann…“ – Der gefährlichste Vergleich

Das ist vielleicht die tückischste Falle von allen. In der Selbsthilfegruppe, im Forum oder auf Instagram siehst du jemanden mit derselben Diagnose, der scheinbar so viel mehr schafft als du. Und du denkst: „Wenn die das kann, müsste ich das doch auch schaffen!“

Aber: Jede chronische Erkrankung verläuft individuell. Wir haben unterschiedliche Komorbiditäten, verschiedene Krankheitsstadien, andere Lebensumstände. Vielleicht hat die Person gerade einen guten Tag und postet genau den auf Social Media. Vielleicht zahlt sie dafür später einen hohen Preis, den du nicht siehst.

Was bei anderen funktioniert, muss bei dir nicht funktionieren. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Und ja – das gilt auch für mich!

Auch ich als Autorin dieses Newsletters bin keine gute Vergleichsgrundlage für dich. Ich habe „nur“ mildes ME/CFS, und trotzdem musste ich letzte Woche auf der Anuga an zwei Tagen gehen, weil ich am ersten Tag irgendwann gemerkt habe, dass meine Energie nur noch für den Rückweg reichte.

Mir ist dabei sehr bewusst: Viele Menschen mit ME/CFS oder anderen chronischen Erkrankungen würden so einen Messetag gar nicht schaffen – nicht mal ansatzweise. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Und gleichzeitig zeigt genau das, wie sinnlos Vergleiche sind: Was für mich eine Herausforderung ist, ist für andere unmöglich. Und was für mich unmöglich ist, schaffen andere mit links.

Das war die richtige Entscheidung für mich, an diesem Tag, in dieser Situation. Vielleicht hättest du mehr geschafft. Vielleicht weniger. Beides wäre völlig okay. Denn auch wenn wir beide ME/CFS haben, sind unsere Maßstäbe unterschiedlich.

Vergleich dich also bitte auch nicht mit mir und meinen Erfahrungen. Nutze sie als Inspiration, wenn sie dir helfen – aber nie als Messlatte für das, was du schaffen „solltest“.

🎯 Bei dir bleiben – dein eigener Kompass

Wenn all diese Vergleiche nicht funktionieren – was dann? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, auch wenn sie am Anfang ungewohnt sein mag: Bleib bei dir.

Dein einzig relevanter Maßstab bist du selbst. Nicht du von vor fünf Jahren. Nicht deine gesunde Nachbarin. Nicht der andere Mensch mit derselben Diagnose. Sondern du, heute, hier und jetzt.

Das bedeutet: 

✨ Was kannst du heute tun? 

✨ Wo hast du in der letzten Woche kleine Fortschritte gemacht? 

✨ Was macht dich stolz – auch wenn es für andere vielleicht selbstverständlich wäre? 

✨ Welche Erfolge hast du errungen – in deinem Tempo, mit deinen Möglichkeiten?

Manchmal ist dein Erfolg, dass du geduscht hast. Manchmal ist es, dass du ein schwieriges Gespräch geführt hast. Manchmal ist es, dass du „Nein“ gesagt hast, obwohl es dir schwerfiel. All das zählt.

Sei dein eigener Kompass!

☕️ Die kleine Auszeit

Nimm dir 5 Minuten und überlege: Wann hast du dich diese Woche verglichen? Mit wem oder was? Wie hat sich das angefühlt? Und jetzt die wichtigere Frage: Was hast du in dieser Woche geschafft, das für dich ein Erfolg war – unabhängig von allen Vergleichen?

💝 Praktische Umsetzung

Der Vergleichs-Stopp
Wenn du merkst, dass du dich gerade vergleichst, halte einen Moment inne. Sag dir bewusst: „Das ist nicht meine Geschichte. Das ist nicht mein Maßstab.“ Es braucht Übung, aber es wird leichter.

Dein Fortschritts-Tracker
Führe eine Liste mit deinen Mini-Erfolgen. Dinge, die andere vielleicht nicht mal bemerken würden, die für dich aber Bedeutung haben. Am Ende der Woche wirst du überrascht sein, wie viel du tatsächlich geschafft hast.

Das „Mein Tempo“-Mantra
Wenn der Vergleichsdrang kommt, erinnere dich: „Mein Tempo. Mein Weg. Meine Regeln.“ Das ist keine Ausrede – das ist Selbstfürsorge.

Die Dankbarkeits-Perspektive
Statt zu denken „Ich kann nur X“, versuche: „Heute kann ich immerhin X.“ Dieses kleine „immerhin“ macht einen riesigen Unterschied in der Wahrnehmung.

Grenzen setzen bei Social Media
Wenn bestimmte Accounts oder Gruppen ständig zum Vergleichen einladen, ist es völlig okay, ihnen zu entfolgen. Deine mentale Gesundheit ist wichtiger als jeder Feed.

🌱 Der Weg ist individuell

Zurück zu meinem Konzert-Moment: Heute bin ich froh, dass ich ein Konzert im Livestream von meinem Sofa aus genießen kann. Das ist mein Maßstab. Und er ist genauso wertvoll wie jeder andere.

Dein Weg mit deiner chronischen Erkrankung ist einzigartig. Es gibt keine richtige Geschwindigkeit, keine vorgeschriebene Route, kein Ziel, das alle erreichen müssen. Es gibt nur dich und das, was für dich funktioniert.

Sei stolz auf deinen Weg. Sei stolz auf dein Tempo. Sei stolz darauf, dass du jeden Tag das Beste gibst – mit dem, was dir zur Verfügung steht.

Finde deinen eigenen Weg

Über die Autorin

Julia Stüber schreibt in ihrem Blog chronisch optimistisch über sanfte Selbstfürsorge, kleine Pausen im Alltag und Gedanken, die auch an schweren Tagen leicht genug sind.
Als chronisch kranke Autorin teilt sie ruhige Impulse, kreative Mini-Ideen und das, was ihr selbst hilft, achtsam und freundlich mit sich zu bleiben..
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