Was ich durch chronische Erkrankungen gelernt habe

Was ich durch chronische Erkrankungen gelernt habe

Neulich wurde mir eine Frage gestellt, die mich noch eine Weile beschäftigt hat. Sinngemäß ging es darum, was Begrenzung durch chronische Erkrankungen mit dem Denken, Arbeiten und Entscheiden macht.

Ich habe darauf geantwortet, dass ich darüber Bücher schreiben könnte – und gleichzeitig das Gefühl habe, dass es gar kein großes Konzept braucht.

Vielleicht reicht es, zu beschreiben, was sich tatsächlich verändert hat.

Nicht alles muss möglich sein

Chronische Erkrankungen nehmen einem Möglichkeiten. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Zeit. Energie. Tempo. Spielraum.

Was ich gelernt habe: Das ist nicht nur Verlust.

Wenn nicht mehr alles möglich ist, muss man nicht mehr alles entscheiden. Nicht jeder Impuls wird zur Aufgabe. Nicht jede Idee zur Verpflichtung.

Begrenzung wirkt wie ein Filter. Was wirklich wichtig ist, bleibt. Der Rest fällt weg – oft ohne dass ich etwas dafür tun muss.

Langsamkeit ist keine Schwäche

Früher war langsamer werden gleichbedeutend mit Zurückfallen. Heute ist es eine bewusste Entscheidung.

Langsam entscheiden. Langsam veröffentlichen. Langsam reagieren.

Nicht aus Angst – sondern weil sich Dinge zeigen, wenn man ihnen Zeit lässt. Das Wesentliche bleibt. Der Rest erledigt sich oft von selbst.

Und manchmal, wenn ich wirklich genug Zeit lasse, zeigt sich auch: Ich wollte das gar nicht.

Langsamkeit ist keine Schwäche

Zahlen sind nicht die wichtigste Rückmeldung

Natürlich schaue ich auf Buchverkäufe. Natürlich sehe ich Newsletter-Abonnent:innen. Aber das Spiel aus Reichweite, Likes und Vergleich hat für mich an Bedeutung verloren. Nicht aus Trotz. Sondern weil es mir nichts mehr erklärt.

Was mir mehr sagt: Echte Rückmeldungen. Gespräche. Leise Resonanz. Dinge, die ihren Weg finden, ohne dass ich sie pushe.

Ein Interview, das jemand mit mir führen möchte. Eine E-Mail von jemandem, dem mein CFS-Tagebuch geholfen hat. Eines meiner Bücher, das in einer Facebookgruppe erwähnt wird. Oder heute die Antwort auf einem Kommentar von mir, wo jemand geschrieben hat: „Das gibt mir Hoffnung.“

Das sind keine großen Zahlen. Aber es sind echte Menschen. Und das zählt.

Vertrauen entsteht nicht aus Kontrolle

Ein paradoxes Learning: Ich habe heute mehr Vertrauen in mich und mein Können als früher.

Nicht, weil ich mehr leiste. Sondern weil ich genauer weiß, was ich kann – und was nicht.

Ich arbeite mit Unterstützung. Mit Systemen. Mit Werkzeugen – auch mit KI. Nicht, um Verantwortung abzugeben. Sondern um tragfähig zu arbeiten.

Das ist kein Kontrollverlust. Das ist Selbstkenntnis.

Ich weiß mittlerweile, wann ein Text stimmig ist. Wann ein Projekt die richtige Richtung hat. Und ich weiß auch, wann ich Hilfe brauche – und wie ich sie mir hole, ohne mich selbst zu verlieren.

Wirkung darf leise sein

Im Moment habe ich das Gefühl, dass sich etwas bewegt bei mir. Nicht spektakulär. Aber spürbar.

Früher hätte ich daraus sofort mehr machen wollen. Eine Strategie. Einen Plan. Ein „Und jetzt geht’s bergauf“-Moment.

Heute reicht es mir, es wahrzunehmen. Und stehen zu lassen.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen: Wirkung muss nicht laut sein, um real zu sein.

Wirkung darf leise sein

Keine Verklärung

Chronische Erkrankungen sind nichts, was man zur Selbstfindung „braucht“. Und nichts, was man verklären sollte. Ich bin nicht dankbar für ME/CFS. Ich bin nicht froh über die Zöliakie oder mein Asthma. Aber sie haben mir die Möglichkeit genommen, unehrlich mit mir selbst zu bleiben.

Was bei mir übrig geblieben ist: Mehr Klarheit. Mehr Maß. Mehr Vertrauen. Weniger Aktionismus.

Und im Moment fühlt sich das sehr richtig an.


Über die Autorin

Julia Stüber schreibt in ihrem Blog chronisch optimistisch über sanfte Selbstfürsorge, kleine Pausen im Alltag und Gedanken, die auch an schweren Tagen leicht genug sind.
Als chronisch kranke Autorin teilt sie ruhige Impulse, kreative Mini-Ideen und das, was ihr selbst hilft, achtsam und freundlich mit sich zu bleiben..
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